1. Jahr Berlin

1. Jahr Berlin

Ich hasse Berlin! Ich kann mir einfach nicht erklären was einen Menschen dazu bewegt in diese große, hektische und laute Stadt zu ziehen. Laufen die etwa alle mit geschlossenen Augen durch die Gegend und halten sich die Ohren zu, während sie durch die niemals schlafende Stadt flanieren?Das sind Sätze die ich vor genau zwei Jahren ausgesprochen habe, als ich zusammen mit Freunden nach einer langen Nacht im Auto auf dem Heimweg war. Raus, einfach raus aus der Hauptstadt. Allein das Ortsausgangsschild von Berlin hat ausgereicht mir ein besseres Gefühl zu geben, weil ich wusste ich bin gleich Zuhause. Zuhause, in einem 1151 Seelen-Dorf das nicht einmal über einen Supermarkt verfügt. Heute zwei Jahre nach diesen Gedanken, Gefühlen und Momenten voller Fragen weiß ich: Berlin ist nicht das Berlin von dem ich dachte, dass es das ist.

Ich muss ehrlicher Weise zugeben, dass das erste viertel Jahr in dem neuen Zuhause nicht leicht für mich war. Die Freunde nicht in greifbarer Nähe, neue Wohnung, neue Arbeit und ein komplett neuer Alltag. Obwohl in den ersten drei Monaten von Alltag gar keine Rede war. Angefangen von dem Weg zur Arbeit der bedeutete, dass ich drei mal umsteigen musste um am Ziel-Bahnhof zu sein um dann noch mal einen kurzen Fussmarsch zur Arbeit zurückzulegen, über fremde Gesichter auf der Arbeit und auf dem Weg dahin. Auf einmal fehlten mir das gewohnte Gesicht der Kassiererin von dem Netto aus dem Nachbarort, die Postbotin die so gut wie nie ein Lächeln über die Lippen brachte und der Nachbar vor dem ich immer heimlich geflüchtet bin weil ich absolut keine Lust auf banalen Smalltalk hatte. Einfach jede kleinste gewohnte Situation wusste ich auf einmal so sehr zu wertschätzen, dass ich mich in der Anfangszeit in Berlin fast täglich nach der Arbeit im Bett vorkrochen habe und nur noch losweinte. Ich muss dazu sagen, dass ich ein Mensch bin der sich gern in Sicherheit weiß. Ich riskiere ungern Etwas mit der Hoffnung hinterher besser dazustehen als vorher. Wenn ich mich in einer Situation befinde, die mir gut tut und die mich zufrieden stellt strebe ich nicht zwingend nach mehr. Einfach aus Angst den Ist-Zustand für eine spontane nicht genug durchdachte Idee zu verlieren.

Ich hatte wirklich arge Verlustängste. Angst meine Mama zu wenig zu sehen, Angst davor Freunde auf Grund der Entfernung und der Bequemlichkeit zu verlieren und Angst davor zu versagen. Allein der Stress den ich meinem Kätzchen ausgesetzt habe, hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Ich fühlte mich doch schon gestresst und voller fragwürdiger Gedanken. Was dann wohl in meinem kleinen Schätzchen vorgeht. All das waren Fragen die mir regelrechte Kopfschmerzen bereiteten und mich tagtäglich dazu antrieben zu funktionieren und mich nicht hängen zu lassen. Heute bin ich meinem liebsten Freund so dankbar, dass er mir und meinem kleinen haarigen Monster die Zeit gegeben hat mich einzuleben. Er hat mich wann immer ich es brauchte getröstet, meine Hand gehalten und mir gut zu gesprochen. Wir haben uns zusammen all das schöne aufgebaut was wir nun tagtäglich geniessen (können). Jede einzelne Träne war es wert die ich vergossen habe, jede einzelne Schweißperle war es wert die geflossen ist, als wir die Wohnung gestaltet haben und jeder zurückgelegte Kilometer war ein weiterer Schritt in eine neue Zukunft. Ich bin dankbar für die Unterstützung meiner Mama die mir bis heute nie das Gefühl gegeben hat, als würde ich sie vernachlässigen. Und ich bin dankbar für Freunde die mir gezeigt haben, dass Enfernung kein Grund ist sich zu vermissen. Heute wohne ich in Berlin, seit einem ganzen Jahr. Ein Jahr in dem ich den Job gewechselt habe, erkannt habe was wahre Freunde sind, in dem ich mich jeden Tag mehr in meinen Freund verliebe und in unser gemeinsames Zuhause.

Hey Berlin, ich danke dir, dass du mir den Anfang nicht so schwer gemacht hast. Ich danke dir für deine unzähligen Möglichkeiten mich neu zu entdecken, deine Unruhe und Art und Weise mich in kürzester Zeit von dir zu überzeugen. Heute weiß ich, ich bin da wo ich nie gedacht hätte hin zu wollen und das mit Leib und Seele. Zuhause in Berlin!



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